Dr. Thomas Szekeres

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Wenn Politiker die Realität negieren…

…Dann wird es zynisch. So meinte der neue deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn, die Zweiklassenmedizin gäbe es in Wahrheit nicht, sie ist „bloß gefühlt“. Wahrscheinlich hat der Minister noch nie „gefühlt“, was es heißt monatelang auf eine Untersuchung, Operation oder Therapie zu warten.


Spahn gilt als Verfechter eines möglichst privat finanzierten Krankenkassensystems. Die Forderung des Koalitionspartners, in Deutschland eine neue Bürgerversicherung einzuführen, wurde strikt abgelehnt.

In Deutschland herrscht, nicht wie in Österreich, die Möglichkeit unter verschiedenen Versicherungsanbietern zu wählen. Es gilt zwar die Versicherungspflicht, aber nicht die Pflichtversicherung wie bei uns. Eine Bürgerversicherung wäre in die Nähe des österreichischen Modells gekommen.

Gleichgültig, ob Deutschland oder Österreich, im Gesundheitsbereich knirscht und schreit es: zu wenig Personal, zu lange Wartezeiten aus der Sicht des Patienten und zu wenig Zeit für ein ausführliches Beratungsgespräch. Eine durchschnittliche Ordination in Österreich bewilligt etwa 700 „Scheine“ um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Das heißt 700 Patienten, die innerhalb eines Quartals so oft kommen können, wie sie wollen.

Die Realitätsferne, ja der Zynismus des Herrn Spahn ist Symptom für eine immer stärker werdende Entfremdung der Gesundheitspolitiker, das gibt es auch in Österreich. Seit Monaten werden rund um den KAV immer mehr System- und Infrastrukturversagen sowie Koordinationsmängel – auch mit dem niedergelassenen Bereich – laut.

Seit Monaten aber wird so getan, als sei ohnehin alles eitle Wonne. Die Gesundheitsstadträtin dagegen voll Stolz, dass der KAV nun Unternehmen Wiener Kliniken, heißen wird, verrät aber nicht welche der ursprünglich für die Schließung gedachten Kliniken wirklich ersetzt werden, ob der verspätete Einsatzbeginn nichts anderes sei als ein Ausweichen vor einem hartnäckigen, lästigen Thema.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich die Bausummen sich nahezu verdoppeln, dass die Betten teurer sind als irgendwo in Österreich oder auch in Deutschland?

Klassenmedizin, das heißt heute in der Praxis: Lange Wartezeiten, Rationierung bei Medikamenten und „Ersatzteilen“, kaum Rehabilitation, wenig Zeit für stationäre Patienten – es fehlt an Personal.

Zwei-Klassen-Medizin heißt aber auch, dass sich viele Österreicher, gerade Ältere, weder eine Zusatzversicherung leisten können noch wollen und gezwungenermaßen zum Privatarzt ohne Kassenvertrag auszuweichen. Noch bekommen Sie einen Teil dafür refundiert – ob das ewig so bleibt, steht in den Sternen. Die Versicherungen werden freiwillig nichts unternehmen um diesen Zustand abzuschaffen oder zumindest abzufedern.

Zwei-Klassen-Medizin bedeutet Ausgrenzung von bildungsfernen Schichten. Armut heißt in Österreich zumeist wenig Geld und krank sein, oder extrem beeinträchtigt.

Vielleicht sind das alles nur gefühlte Tatsachen wie Herr Spahn meint. Aber angebracht ist es nicht: Vor allem bei einer Talk Show, wo viele Menschen zusehen, die ihrer Erfahrung  mit der Zweiklassenmedizin schon hatten. Sie können nur ohnmächtig staunen.

In Österreich droht eine Zwei- oder Drei-Klassen-Medizin. Dennoch: die flächendeckende Versorgung auf hohem medizinischen Niveau ist gesichert und bleibt hoffentlich wohl auch, mit Verbesserungsmöglichkeiten in alle Richtungen.


ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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